Von Seefrauen auf Containerschiffen erzählt der Dokumentarfilm „Stories from the Sea“, an dem die Filmemacherin Jola Wieczorek gerade arbeitet. Mit der Arbeit in männerdominierten Berufsfeldern kennt sie sich aus. Sie arbeitet als Regisseurin selbst in einem.

"Filmemachen ist kein reiner Männerberuf und ich muss nicht Maske oder Kostüm machen, sondern ich traue mir Kamera oder Regie zu"

Jola Wieczoreks bisherige Filme „List do polski“ und „O que resta“ liefen erfolgreich auf internationalen Festivals. Beide beschäftigen sich mit Heimatverlust und Identitätsfindung und sind sehr persönlich. Jola Wieczorek wurde in Polen geboren, wuchs in Österreich auf. Sie absolvierte den europäischen Master-Studiengang DocNomads und lebt mittlerweile in Barcelona. „Stories from the Sea“ wird ihr erster langer Dokumentarfilm, in dem sie sich dem Mittelmeer auf einem Containerschiff, einem Kreuzfahrtschiff und einem Rettungsboot annähert.

Ich habe die Regisseurin zum Interview getroffen und erfahren, dass sie für die Recherche selbst mehrere Wochen auf einem Containerschiff unterwegs war - allein mit einer 12-köpfigen männlichen Besatzung. Mit Sexismus und den Schwierigkeiten dort als Frau ernst genommen zu werden, hat sie einige Erfahrungen gemacht. Genau wie eine der Protagonistinnen aus ihrem Film.

Eine Seefrau auf einem Frachtschiff ist eine der Protagonistinnen deines nächsten Films. Was hat dich an dem Thema gereizt?

Das hat sich bei der Recherche ergeben. Ein Freund von mir aus Indien ist drei Jahre auf Frachtschiffen und Öltankern zur See gefahren. Er hat mir von seiner besten Freundin aus Seezeiten erzählt, die mittlerweile zwei Kinder hat und in London lebt. Von ihr habe ich erfahren, dass sie oft die einzige Frau an Bord gewesen ist und wenn sie mal Glück hatte, war vielleicht noch die Köchin eine Frau. Es sind überhaupt nur 2% aller Seefahrer Frauen. Das fand ich spannend, diese Frauen in dieser Männergesellschaft zu zeigen. Dabei sind in der Geschichte Frauen schon immer zur See gefahren, nur dass sie sich dabei als Männer verkleidet haben. Auch die Piratenbräute. Sie hatten dann kurze oder zusammen gebundene Haare mit Käppi, trugen Hosen und gaben sich als Schiffsjungen aus. Insofern ist es kein ganz neues Phänomen. Trotzdem gibt es ein altes Sprichwort: Eine Frau an Bord bringt Unglück. Es zieht sich bis heute bei vielen Reedereien durch, dass sie immer noch keine Frauen anstellen.

Du arbeitest als Regisseurin in einer männerdominierten Branche. Siehst du in dem Wunsch dich darin durchzusetzen eine Parallele zwischen dir und den Seefrauen?

Es gibt noch so viel Nachholbedarf, natürlich auch innerhalb der Filmbranche. Wenn man sich anschaut, wie wenige Filme von Frauen auf großen Festivals laufen. Aber ich glaube, im Kern fängt das Problem an anderer Stelle an. Frauen bauen oft nicht genügend Selbstbewusstsein auf oder bekommen es durch ihre Erziehung nicht mit, dass sie sich trauen zu sagen: Filmemachen ist kein reiner Männerberuf und ich muss nicht Maske oder Kostüm machen, sondern ich traue mir Kamera oder Regie zu. Ähnlich läuft das oft auch bei den Seefrauen: Einige bekommen die Seefahrt durch ihre Familie von Kindesbeinen an mit, weil ihre Väter oder Großväter schon zur See gefahren sind. Aber wenn dann in diesen Familien kein Sohn zur Welt kommt, sondern ein Mädchen, dann heißt es vielleicht, du fährst lieber nicht zur See. Bis sie als junge Frauen sagen: Warum nicht? Ich will das aber auch! Andere wiederum lieben das Meer einfach und kommen eher zufällig dazu, daraus auch einen Beruf zu machen. Eine der indischen Seefrauen, die ich getroffen habe, hat mir erzählt, dass sie in ihrer Schule einen Aushang „Seemänner gesucht“ gesehen habe, ihr aber alle gesagt hätten, dass da bestimmt nur Männer gesucht würden. Aber sie hat einfach angerufen und nachgefragt. Da hieß es dann, dass sie auch Frauen akzeptieren. Hätte sie da nicht angerufen, hätte sie wahrscheinlich nie diesen Weg gewählt. Insofern müssen es Seefrauen schon wirklich wollen - ihren Platz da zu finden - und haben deswegen oft auch viel Leidenschaft für diesen Job. Vielleicht mehr als einige Männer.

Siehst du es als deine Verantwortung als Filmschaffende dich speziell Frauenthemen zu widmen?

Ich versuche schon während der Filmherstellung so viele Frauen wie möglich zu engagieren und sage auch offen, dass ich mir für diese oder jene Position eine Frau wünsche. Gerade ist es ist für mich schön, durch meine Filme eine kleine Plattform zu bieten, dass sich Frauen weiter entwickeln oder weiter kommen können. Das ist schon eine bewusste Entscheidung.

In deiner Recherche hast du mit Seefrauen aus aller Welt gesprochen. Welche Arbeiten übernehmen sie auf den Schiffen und wo finden sie sich in den strengen Hierarchie wieder?

Alle müssen ganz unten anfangen. Erstmal müssen sie sich entscheiden, ob sie Offizierin werden oder mit der Crew unter Deck arbeiten wollen. Als Teil der Crew sind sie dann entweder im Deck Department oder im Maschinenraum. Im Deck Department heißt es dann: Rost entfernen, schrubben, Schrauben nachmachen. Es gibt eine kleine Werkstatt. Sie kämpfen ständig gegen den Rost an. Wenn sie an einer Stelle mit dem Entrosten anfangen, müssen sie, wenn sie damit durch sind, am anderen Ende schon wieder von vorne anfangen. Salzwasser und Metall sind von Natur aus keine besonders guten Freunde! Oder sie arbeiten als Teil der Crew im Maschinenraum. Dort fangen sie als Seekadettin an und arbeiten sich dann hoch. Dazu müssen sie immer wieder Prüfungen ablegen, Englischkenntnisse nachweisen. Alles läuft streng reglementiert ab. Eine Seefrau, die ich kennengelernt habe, ist mit 26 Jahren schon erste Ingenieurin. Das ist eine steile Karriere - normalerweise dauert das länger. Andere entscheiden sich Offizierin zu werden. Dann fangen sie auch als Seekadettin an, werden dann dritte, zweite und erste Offizierin und können dann auch Kapitänin werden. Von Anfang an tragen sie weiße Hemden und arbeiten auf der Brücke. Dort schieben sie Wachdienste, die Navigation muss kontrolliert und der Funk abgehört werden. Die Wachen sind aber eher unspektakulär - mittlerweile läuft fast alles auf Autopilot. Es müssen aber trotzdem rund um die Uhr Schichten geschoben werden. Sie müssen navigieren und Seekarten lesen können, im Hafen den Abtransport und das Laden der Container koordinieren. Alles ist sehr technisch.

Welche Erfahrungen machen die Frauen auf den Schiffen mit Sexismus?

Allgemein ist der Ton schon eher schroff. Auf den Schiffen ist ja nicht nur Sexismus ein Problem, sondern auch zwischen den Hierarchien oder wenn ein Jüngerer eine höhere Position als ein Älterer hat. Dazu kommt noch Zündstoff durch die unterschiedlichen Löhne. Ein Kapitän von den Philippinen hat einen viel geringeren Lohn als ein Maschinist aus England, weil die Löhne nach Nationen verteilt werden. Für eine Frau ist aber natürlich schon ein Hauptthema, dass sie eine Frau ist, die sich mit Ellbogen erstmal ihren Platz sichern muss. Eine der Seefrauen hat mir erzählt, dass sie den Männern erstmal klar machen musste, dass sie sehr wohl Know-how hat. Bis ihr dann überhaupt vertraut wurde, dass sie sehr wohl weiß, wie ein Schiffsmotor funktioniert und sie sehr wohl konstruktive Lösungsvorschläge anbringen konnte. Sogar bis ihr endlich mal zugehört wurde und sie nicht einfach übergangen wurde!

Was motiviert die Seefrauen, mit denen du gesprochen hast, unter diesen Bedingungen zu arbeiten?

Die Seefrauen, egal woher sie kommen, beschreiben zwar fast alle, wie schwierig es für sie läuft, seufzen dann aber und sagen, „but I’m just loving it“. Das finde ich an denen, die ich getroffen habe schön, dass viele das aus Herzblut machen. Den Eindruck hatte ich bei den Männern auf dem Containerschiff, auf dem ich mitgefahren bin, nicht so. Zum Beispiel für die Filipinos ist es vor allem super gutes Geld, das sie an ihre Familien schicken und mit dem sie dort ein Haus bauen oder ihre soziale Position verbessern können.

Du hast selbst für die Recherche einige Wochen auf einem Containerschiff mit einer 12-köpfigen Besatzung verbracht. Wie hast du das Klima dort erlebt und wie haben die Seeleute darauf reagiert, dass du sie gefilmt hast?

Am Anfang war es für die gesamte Besatzung wohl extrem komisch. Es war ein Vor- und auch ein Nachteil, dass ich mit einer vorwiegend polnischen Crew das erste Mal unterwegs war. Der Kapitän hat mich gleich unter seine Fittiche genommen, nach dem Motto: Hier schläfst du, hier ist dein Essplatz und ich zeige dir jetzt das Schiff, Mädchen. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich doch eigentlich runter zur Crew will und die mich viel mehr interessiert. Der Kapitän meinte dazu nur, da unten ist es schmutzig und laut, was willst du denn da, hier oben haben wir eine Espressomaschine und einen schönen Ausblick aufs Meer. Außerdem haben er und die polnischen Offiziere mich stark als Polin wahrgenommen und zuerst wohl auch gedacht, dass ich von den Einstellungen her ähnlich sein werde, wie sie. Aber dann haben sie schon gemerkt, dass uns Welten trennen. Ich bin weder katholisch, noch denke ich daran bald klassisch zu heiraten, Kinder zu haben und meinen Beruf an den Nagel zu hängen. Ich bin auch nicht geographisch stabil und habe insgesamt einen ganz anderen Lebensstil. Diese Seeleute waren erzkonservativ. Obwohl sie ihr ganzes Leben lang auf den Meeren unterwegs sind und man sich denken würde, das muss doch irgendeine Art von Weltoffenheit mit sich bringen. Das hat sogar zu Streit mit dem Kapitän geführt, bei dem er mir dann gesagt hat, er sehe, dass ich nicht glücklich sei und was ich jetzt bräuchte, sei ein Mann, Kinder und einen Haushalt, dann würde ich merken, was der Sinn des Lebens sei. Thank God, no! Die Crew, also die Arbeiter unter Deck in den orangefarbenen Overalls, war dafür sehr schüchtern. Sehr respektvoll, vor allem die Filipinos sagten immer nur "Mam Jola hier, Mam Jola da". Ich habe dann eine Sitzung einberufen, mit ihnen Schokolade geteilt und erzählt, um was es in meinem Film gehen wird, was ich suche und dass sie mich sie einfach begleiten lassen sollen. Und wenn sie keine Lust haben, dann sollen sie das sagen. Aber dass ich sonst einfach mit ihnen runter in den Maschinenraum gehe und sie einfach ihr Ding machen sollen. Als sie das verstanden hatten, war es super und dann war das Eis auch gebrochen. Es war dann eher auffällig, wie schnell man eng zusammen wächst, denn faktisch hat man keinen Rückzugsort auf dem Schiff.

Wie hat sich diese Recherchereise unter Männern auf deine Gefühlswelten ausgewirkt?

Es war spannend zu sehen, dass sich alles viel extremer anfühlt. Ich glaube das liegt daran, dass man nie abschaltet, wenn man ständig in diesem begrenzten, sozialen Gefüge steckt. Man ist ständig auf der Suche nach einem Platz. Und durch das Minimalistische vor Augen - nur Metall, Wasser und Himmel - bekommt alles eine andere Relation. Ich habe mich z.B. total reingesteigert und aufgeregt über die Homophobie der Seeleute. Es hat mich derart aufgeregt, dass ich eine Nacht lang nicht schlafen können. Jetzt zurück an Land denke ich mir: Arme Menschen. Klar haben viele Angst vor allem, was sie überhaupt nicht kennen. Auf dem Schiff musste ich mir schon überlegen, ob ich mit dem Kapitän, von dem ich in der Situation ja auch abhängig war, anfange zu diskutieren. Aber zu dem Zeitpunkt auf See war ich wahnsinnig sensibel dem gegenüber und habe zu ihm gesagt, er habe doch schon so viele Häfen gesehen und so viele Geschichten gehört und sei so engstirnig, das könne doch nicht wahr sein. Es macht wirklich extrem viel mit einem, auf so einem Schiff mitzureisen. Vor allem auch, weil man natürlich nicht weg kann und vor Konflikten nicht in die Anonymität abtauchen kann. Diese Krise hatte ich nach zwei Wochen. Wie machen das die Seefrauen, wenn sie zwei, vier, manchmal sechs Monate nur in dieser Männergesellschaft sind und sich dann auch noch die ganze Zeit behaupten müssen und zeigen müssen, dass sie sowohl auch was schleppen können und stark sind?

Welche Zukunft siehst du für die Seefrauen?

Warum sich dort wohl so schnell an den Bedingungen für Seefrauen nichts ändern wird, ist vor allem ein biologischer Grund. Viele Frauen hören auf zur See zu fahren - auch wenn ihre Liebe zum Meer noch so groß ist - wenn sie ein Kind bekommen. Welche Mutter lässt ihr Kind für vier oder fünf Monate, oder wenn sie großes Glück hat und für eine Reederei arbeitet, die ihnen einen Drei-Monats-Auftrag gibt, zurück. Sie können ihre Kinder ja auch nicht mitnehmen. Auf den Schiffen gibt es weder eine Schule noch sonst etwas für Kinder. Du begibst dich da in eine ziemliche Isolation. Deshalb ist es für viele oft ein Abenteuer, bis sie Familie gründen und dann arbeiten sie meistens an Land in Managementpositionen. Schon auch im Schiffsmanagement, aber eben im Büro.

Alle Fotos wenn nicht anders angegeben © Jola Wieczorek