Die globale Wirtschaftskrise traf Spanien besonders hart. Ich habe länger in Barcelona gewohnt und miterlebt, wie viele gut ausgebildete Freunde und Freundinnen ihren Job verloren und keinen neuen mehr fanden. In der Not suchten sie auf eigene Faust nach einer passenden Beschäftigung. Für “Flow” habe ich drei Kreative aus Barcelona zu ihrem Umgang mit der Krise interviewt.

„Mit einem gewissen Galgenhumor fingen wir an, herumzuspinnen und Ideen zu überlegen“

Nächtliche Stille. Im Kerzenschein steht eine kleine Gruppe Besucher in der Basílica de Santa Maria del Pi, einer gotischen Kirche im Stadtzentrum von Barcelona. Drei Musiker spielen getragene Melodien mit Klarinette, Cello, Trommel, ein Weihrauchschwenker verbreitet würzigen Duft. Die Führerin der Gruppe ist Montse Sacasas. Sie erzählt den Besuchern gerade vom Leben im mittelalterlichen Barcelona, schildert, dass Menschen die Kirche damals als sozialen Treffpunkt nutzten, und erklärt die religiösen Symbole in den Kirchenfenstern. Die Führung endet schließlich hoch oben auf dem Turm der Kirche, wo alle über die nächtlich leuchtende Stadt schauen.

GEHEN ODER BLEIBEN?

Ihre liebevoll gestalteten Kirchenführungen bietet Montse Sacasas seit zwei Jahren an, mittlerweile fast täglich. „Meine Idee war es, Barcelona mit allen Sinnen erlebbar zu machen, sodass den Besuchern eine Art Zeitreise möglich wird“, erklärt sie. „Die Führungen finden an geschichtsträchtigen Plätzen statt, die sonst für Touristen nicht zugänglich sind. Immer sind neben mir auch noch Musiker oder Schauspieler dabei, die Szenen nachstellen.“ Ihr kleines Unternehmen hat Montse Ad Sentia genannt, was so viel heißt wie „für die Sinne“.

„Eigentlich ist die Firma aus einer ziemlich heiklen Situation heraus entstanden“, erzählt die 39-Jährige. Infolge der globalen Wirtschaftskrise verlor sie vor fünf Jahren ihre Arbeit als Sekretärin bei der Stadtverwaltung. Sehr viele Stellen im öffentlichen Dienst wurden damals gestrichen. Montse fand in dem Jahr – die Arbeitslosigkeit der jüngeren Arbeitnehmer stieg auf über 30 Prozent – auch keine andere Arbeit. „Zuerst war ich verzweifelt“, erinnert sie sich. „Die Stimmung war generell mies in der Stadt. Viele Freunde und Bekannte hatten keinen Job, keiner wusste weiter. Ich überlegte zunächst, wie viele andere, nach Deutschland zu gehen, dort ein Praktikum zu machen, mich weiterzubilden.“ Sie hatte schon alles vorbereitet, aber mit mulmigem Gefühl. „In der Zeit ging es mehreren Menschen in meiner Familie gesundheitlich schlecht – ich brachte es letztlich nicht übers Herz, zu gehen.“

Mit der Frage, ob man gehen oder bleiben soll, haben sich in den vergangenen Jahren viele von Montses Freunden beschäftigt. Spanien ist von der Wirtschaftskrise so schwer betroffen, dass viele Akademiker frustriert das Land verlassen. Gleichzeitig wurde es in Barcelona immer teurer. Beliebt bei Investoren und Touristen, schossen die Immobilienpreise in die Höhe. Dass die existenzielle Belastung vieler Einheimischer sich in einer scheinbar fröhlichen, lebenslustigen Kulisse abspielt, die Touristen, Gaststudenten und Weltenbummler aus aller Welt anzieht, machte es besonders in den ersten Jahren der Krise schwer. „Es war eine Weile absurd und beängstigend“, erinnert sich Montse. „Doch zur selben Zeit ngen die Leute auch an, herumzuspinnen, sich mit einem gewissen Galgenhumor Ideen zu überlegen. So nach dem Motto: Dann machen wir eben ein Hotel auf, einen Laden oder eine Surfschule.“

VERRÜCKTE IDEEN ZULASSEN

Auf den Gedanken mit den Stadtführungen an besondere Orte brachte Montse dann schließlich ihr Bruder, der als Kurator und Archivar in der Basílica de Santa Maria del Pi tätig ist. „Seine Idee setzte sich in meinem Kopf fest, ich habe es zugelassen, sie entwickelte sich weiter. Ich fragte Musiker aus dem Bekanntenkreis, Schauspieler, ob sie für mich arbeiten würden.“ Die meisten Freunde hatten Lust, dabei zu sein, überlegten mit. Viele hatten auch keinen Job und dadurch mehr Freiräume, Zeit und Lust, sich gegenseitig zu helfen. Montse baute eine Website, klärte Formalitäten, wandte sich an eine städtische Beratungsstelle für Gründer. „Es war gar nicht so schwer – doch hat es fast zwei Jahre gedauert, bis ich mit den Führungen anfing“, sagt Montse. Erst kamen die Leute aus dem Viertel. Dann Touristen. Mittlerweile ist das Angebot etabliert.

„Die Krise hat mich dazu gebracht, mich mit der Geschichte meiner Heimatstadt auseinanderzusetzen, einen Zugang dazu zu finden und mit anderen zu teilen“, sagt Montse. Auch wenn sie noch nicht ganz von ihrem kleinen Unternehmen leben kann und wieder stundenweise in einem Büro arbeitet, will sie weitermachen: „Mir scheint das zukunftsträchtiger zu sein als ein schlecht bezahlter Angestelltenjob.“

FOODTRUCK FÜR DIE FAMILIE

Bei Anna Carretero waren alle in der Familie von der Krise betroffen. Erst musste die 34-Jährige ihren kleinen Kunstbuchladen schließen. Kurz darauf verloren ihr Mann, Kike Tarrega, ein Designer, ihr Bruder und die Schwägerin, eine Sozialarbeiterin, ihre Jobs. Alle waren in existenzieller Not. „Unsere Lage war damals mehr als schwierig“, sagt Anna nachdenklich. „Kike und ich haben aber schon immer Tausende von kreativen Ideen entwickelt. Das haben wir einfach weiter so gemacht mit der neuen Prämisse: Ideen durften nichts kosten außer Freizeit und Kreativität.“ Der erste Einfall war ein Crêpewagen: „Mein Bruder und seine Frau besorgten einen alten Imbisswagen, und Kike und ich haben ihn gestrichen ausgebaut“, erzählt Anna. „Es hat Spaß gemacht und mal wieder gezeigt, dass Kike und ich gut zusammenarbeiten. Er ist ein Tüftler, ich bin die Organisatorin.“ Den Foodtruck nannten sie Cata Crepe, er fand seinen Stellplatz auf einem Campingplatz südlich von Barcelona am Meer. Annas Bruder und seine Frau übernahmen das Tagesgeschäft. Sie sind jeden Tag dort, backen Crêpes, schenken Kaffee aus. Das Geschäft läuft mittlerweile sehr gut. Dass Anna und Kike ihrer Familie helfen, so wie diese das umgekehrt auch schon oft getan hat, ist für sie selbstverständlich.

BUNT UND BESCHEIDEN

Für sich hat Anna beschlossen, es doch lieber weiter in ihrem Bereich – Kunstbücher – zu versuchen, statt im Foodtruck zu stehen. Und es hat sich gelohnt. In dem Museumsshop der Fundacío Joan Miró, wo sie stundenweise eine Anstellung fand, fiel ihr bald eine Marktlücke auf: Es gab kein Kinderbuch über Miró. Und tatsächlich bekamen Anna und einige Freunde aus dem Museumsshop den Auftrag, eines zu produzieren. Heraus kamen die Mironins, in dem Miró-Männchen Abenteuer erleben und dabei das Werk des spanischen Künstlers erklären. Das Buch liegt inzwischen in mehreren Sprachen im Museumsshop und verkauft sich gut. „Das alles wäre nicht passiert, wenn es die Krise nicht gegeben hätte“, sagt Anna. „Letztlich haben sich aus der Not in dieser Stadt unglaublich viele neue Geschäftsideen, Kreativprojekte und Läden entwickelt.“ Das sähe man auch im Stadtbild – es sei heute bunter.

Davon ist auch die Barcelona-Bloggerin Gabriela Zea Nadal überzeugt. Als Betreiberin von Barcelonogy spricht sie täglich mit Bewohnern der Stadt über deren Ideen und Geschäfte, aber auch über das soziale und gesellschaftliche Klima. Obwohl auch Gabriela die Krise als Chance sieht, habe diese die Katalanen auch ein wenig verändert. „Die Menschen sind bescheidener geworden. Eigentlich sind die Einwohner Barcelonas schillernd, doch heute ist etwa der Kleidungsstil viel einfacher geworden. Selten trifft man beispielsweise noch Frauen, die den ganzen Tag in hochhackigen Stilettos in der City unterwegs sind.“

DIE ZEIT NUTZEN

Auch Laura Miyashiro, Pep Brocal und Blanca Hernández haben sich in den vergangenen Jahren verändert. Die drei waren in den Nullerjahren als Freelancer in den Bereichen Webdesign, Grafik und Werbekonzept tätig, jeder arbeitete für sich Aufträge ab. Doch dann blieben diese ein oder zwei Jahre komplett aus. Die drei, die schon damals auch privat befreundet waren, mussten ihre Lebenshaltungskosten stark senken. „Außerdem hatten wir alle plötzlich sehr viel Zeit“, erinnert sich Blanca Hernández. Statt sich weiter abzustrampeln und Aufträge aus der kommerziellen Ecke anzunehmen, gründeten die Freunde das Künstlerkollektiv Badabum. „Wir entschlossen uns, ab jetzt all das zu entwerfen, worauf wir wirklich Lust hatten – und was der kommerzielle Markt nie verlangt hatte. Wir haben das spielerisch entwickelt, auf verschiedene Gebiete angewendet.“ Ein Bereich, in dem sie sich versuchten, waren Siebdruck- und Kreativ- kurse für Kinder, Erwachsene und Verlage. Außerdem fingen sie an, die Tradition der Ausschneide- und Bastelbögen mit Figur- und Tiermotiven auleben zu lassen und zu modernisieren und Grafiken zu entwerfen, die sie als Poster verkauften.

Zuerst posteten sie ihre Entwürfe nur auf Facebook und boten sie auf Etsy an. Schon nach kurzer Zeit fanden sie aber heraus, dass der Verkauf in der realen Welt besser funktionierte, und mieteten Stände auf Design- und Kleinkunstmärkten wie der Arts Libris. „Unsere Produkte müssen in die Hand genommen und ausprobiert werden, damit man den speziellen Zauber versteht, gerade die Bastelbögen und Selbstmachsachen. Wenn die Leute sie erst einmal gesehen haben, kaufen viele sie auch“, erzählt Blanca.

GESTÄRKT AUS DER KRISE

Seit etwa zwei Jahren erholt sich laut Blanca der Markt wieder, neue Aufträge trudeln ein. „Die absolute Freiheit, in der wir nun einige Jahre gearbeitet haben, hat sich als unglaublicher Motor für Ideen herausgestellt. Wir sind nicht nur kreativer geworden – sondern haben auch viel mehr Übung darin bekommen, schwierige freie Projekte umzusetzen“, sagt Blanca. Nun können die drei all ihre neu gewonnenen Fähigkeiten auch für ihre kommerziellen Aufträge nutzen. Die künstlerischen Projekte entwickeln sie trotzdem weiter. Und noch was: Als Einzelkämpfer werden sie nicht mehr arbeiten. Sie bleiben als Team zusammen. „So sind wir auch auf die nächste Krise gefasst“, sagt Blanca und wirkt dabei erstaunlich gelassen.